Erben der Drachenburg

Geschichten aus Golarion, Astani und Faerun

Silas der Kartenmacher – Der Anfang –

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Hi folks. Diese Geschichte habe ich geschrieben, bevor ich mir den Charakter von Silas gemacht habe. Vielleicht hilft sie euch zu verstehen, warum Silas machmal handelt wie er handelt:

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Gedankenverloren tauchte Silas die Feder in das Tintenfass und zeichnete damit die Linien auf das Pergament, aus denen bald Straßen werden würden. Anschließend würde er die Häuser hinzufügen, Bezirk für Bezirk, bis sich auf seinem Pergament schließlich ein perfektes Abbild der Stadt Mirabar befand. Aus der Vogelperspektive, gerade so wie ein Greifenreiter es sehen würde, wenn er die Stadt überflog. Wie es sich wohl anfühlt den kalten Wind, der über den Grad der Welt bläst während man sich im Sattel eines dieser majestätischen Tiere befindet und losgelöst von aller Schwerkraft durch die Lüfte fliegt, während man unter sich das Netz von Straßen und Wegen sieht? Wie die Blutkreisläufe einer Kreatur, die sich durch den Körper ziehen. Und wie die Haupthandelsstraße die Städte mit Waren versorgt, versorgt die Hauptschlagader eines Menschen den Körper mit Blut. Stoppt man den Zufluss hört er auf zu funktionieren.

 

„Was tust du da!!!“ Brüllte der feiste Mann schon beim Betreten des Raumes. „Bezahle ich dich etwa fürs Trödeln.“ Jetzt hatte er Silas erreicht und seine schwere rechte Hand landete klatschend an Silas Hals. „Wenn die Karte nicht bis morgen früh fertig ist, bekommst du für den ganzen Monat keinen Lohn und nur noch halbe Ration. Haben wir uns verstanden?“ Stumm nickte Silas und versuchte den Schmerz zu unterdrücken, der sich in seinem Körper ausbreitete wie Wellen in einem Teich.

 

Er hasste seinen Onkel. Wenn es überhaupt sein Onkel war. Jedenfalls hatte das sein Vater behauptet, als er ihn vor nunmehr 10 Jahren in die Dienste von Oawn gestellt hatte. „Du kannst hier nicht bleiben.“ hatte er damals gesagt. „Du frisst uns noch die Haare vom Kopf. Ich bringe dich morgen nach Luskan zu einem Onkel deiner Mutter. Er ist dort Kartenmacher und wird dir eine ordentlichen Beruf beibringen.“ Morgen würde es genau zehn Jahre her sein, dass er das Geschäft von Oawn in der Mondscheingasse zum ersten mal betreten hatte. Oawn mochte ihn von Anfang an nicht und Silas verstand nie warum, vermutete aber, dass sein Vater ihm Geld gegeben hatte, damit der den Jungen aufnahm und ausbildete. Er nahm an, dass Oawn genauso wenig sein Onkel war, wie es Barin war. Der immer finster drein guckende Ausbilder einer Diebesgilde aus Luskan, der Stammkunde bei Oawn war und sich alle möglichen Karten kopieren ließ. Manchmal brachte er auch eilig auf Stein oder Pergament gekritzelte Skizzen mit, die Silas dann zu einer sauberen mit Tinte auf Pergament geschriebene Karte verarbeitete. Von ihm wusste Silas auch über die Anatomie des menschlichen Körpers Bescheid. Barin erklärte im genau wohin man stechen musste um einen Gegner auszuschalten und deutete mit einem Stock die Bewegung an, die man machen musste um jemand die Kehle durchzuschneiden.

 

Irgendwann würde Silas Oawn die Kehle durchschneiden, dass wusste er, aber es fehlt ihm der Mut. Einmal hatte er schon mal vor Oawn Schlafzimmertür gestanden, als dieser nach einem erneuten Saufgelage schnarchend in seinem Bett lag. Er hatte damals das Zimmer betreten wollen und Oawn mit seinem eigenen Dolch im Schlaf ermorden wollen. Doch er hatte damals zuviel Angst das dieser vorher aufwacht und Silas totschlagen würde. Also war er wieder zurück in seine kleine Kammer geschlichen und hatte voller Abscheu vor seiner eigenen Feigheit Trost in einem Gebet an Maske gesucht, den Gott der Diebe, den er von Barin kannte. Er hoffte er würde ihm ein Zeichen geben, welches ihm Mut geben würde den gefassten Plan doch noch in die Tat umzusetzen, aber es kam keins. Trotzdem fing er an seit dieser Nacht jeden Abend zu Maske zu beten, in der Hoffnung er würde im eines Tages genug Mut geben, um sich von dem Scheusal zu befreien.

Wieder tauchte Silas die Feder in das Tintenfass und begann die Karte zu vervollständigen. Er schätzte, dass er um Mitternacht damit fertig sein würde. Er wusste dass Oawn seine Drohung wahr machten würde und er hatte ohnehin ständig Hunger, da ihn sein Meister bei schmaler Kost hielt.

 

Was war das? Hatte er dort einen Schatten gesehen? Nein er irrte sich bestimmt. Das Flackern der Kerze musste ihn getäuscht haben. Er schüttelte die schwarzen Locken und begann sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Das Netz der Straßen von Mirabar wurde auf dem Pergament sichtbar und er war bereits dabei die wichtigsten Häuser der Stadt einzuzeichnen. Jeder Kunde brachte ein paar Geheimnisse mit. Hinterzimmer, getarnte Lagerhäuser, Ein- und Ausstiege zur Kanalisation und auch Eingänge in Katakomben und Labyrinthe. Die meisten waren bekannt, aber einige waren geheim und noch nicht erforscht. Seine Kunden verließen sich auf Silas und Oawns Verschwiegenheit, obwohl sich Silas sicher war dass sich Oawn sein Schweigen gut bezahlen ließ und gegen einen angemessenen Preis jedes Geheimnis preisgeben würde. Silas hatte von Kartenzeichners gehört denen man die Zunge herausgeschnitten hatte, damit Sie Ihre Geheimnisse nicht verraten konnten.

 

Wurde er beobachtet? Nein er irrte sich. Er stellte Karte fertig und zum Abschluss signierte er sie mit einem verschlungenen S. Jetzt war seine Arbeit erledigt und er begab sich in seine Schlafkammer. Der kleine Raum war kalt und wenig einladend. Außer seinem Bett enthielt sie einen Stuhl, einen Tisch und ein Bücherregal. Er besaß nur 2 Bücher, die er einem Kunden abgekauft hatte. Eines enthielt eine langweilige Geschichte von einer Bauernfamilie, aber das zweite war eine Erzählung der Ereignisse aus der Zeit der Sorgen. Er hatte es schon hundert mal gelesen und sich gefragt ob es stimmte, dass die Götter auf der Welt wandelten. Er war kein gläubiger Mensch. Seine Eltern hatten hin und wieder zu Lathander gebetet, aber meist nur, wenn die Ernte anstand oder jemand krank war. Er fragte sich,  wie sich Menschen voll in den Dienst der Götter stellen konnten und allen irdischen Freuden entsagen. Es war im absolut unverständlich aber er respektierte es.

 

Er legte seine Kleidung ab und begab sich auf den harten Strohsack. Er schloss die Augen und formulierte im Geist seine Sorgen und Nöte. Er tat das schon sein ganzes Leben aber seit ihm Barin etwas über den Gott der Diebe erzählt hatte, richtete er seine Worte an ihn und nicht mehr an einen Namenlosen. Plötzlich durchschoss in eine Hitze. Er hatte das Gefühl zu brennen. Er öffnete die Augen und suchte seinen Angreifer, aber es gab keinen. Er lag allein im Dunkeln. Dann kam die Erkenntnis. Eine Gewissheit. Er wusste jetzt was er zu tun hatte und er wusste, das er es jetzt tun musste…

 

…Als Silas um die Straßenecke bog, hörte er das Schreien der Haushälterin. Er bewegte sich schnell und lautlos und die Häuser flogen an ihm vorbei. Über den Rücken trug er einen Kartenbehälter, der gefüllt war mit den größten Schätzen, die Oawns Haus beherbergte. Am Gürtel steckte Oawns Dolch, der benetzt war mit einer dunkel glänzenden Flüssigkeit. Er wusste, dass er nicht in Luskan bleiben konnte und begab sich zu dem einzigen Menschen dem er vertraute. Seinem Freund Barin. Er fand es amüsant, dass es ausgerechnet der Mensch war, dem alle anderen in Luskan mit Argwohn entgegentraten. Wo er suchen musste, wusste er, denn Barin hielt sich jeden Tag um diese Urzeit in der Schenke zum rostigen Kessel auf.

 

 Als er den Schankraum betrat flog gerade ein Besucher quer durch die Luft. Unverkennbar war eine Schlägerei im Gange. Ein Halbork, der die anderen Besucher um Haupteslänge überragte, schien Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu sein. Er war umringt von wütenden Gästen, die versuchten auf ihn einzuschlagen.  Diesen Versuch jedoch größtenteils schmerzhaft bezahlen mussten. Silas durchquerte den Schankraum und achtete darauf, einen großen Bogen um die Streithähne zu machen um nicht versehentlich von einem umher fliegenden Stuhl oder einer Flasche getroffen zu werden. Innerlich dankte er dem Halbork für die Schlägerei, denn so war die Aufmerksamkeit aller von ihm abgelenkt und er konnte ohne aufzufallen die Tür am hinteren Ende des Schankraums erreichen. Er durchquerte einen kurzen Korridor und stieg die Treppe zum Keller hinab. Diese endete an einer massiven Tür in die ein Guckloch eingearbeitet war, welches  von der Innenseite des Raumes mit einer kleinen Klappe verschlossen war.

 

Silas klopfte zweimal, dann dreimal. Es dauerte einen Moment bis sich die Klappe öffnete und hinter der Tür die dreckige Fratze von Ratek erschien. „Was willst du?“ fragte er schlecht gelaunt. „Ich möchte zu Barin,“ entgegnete Silas und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu klingen. Sein Herz schlug ihm allerdings bis zum Hals. „Ich kenne keinen Barin,“ schnauzte der Wächter. „Hör auf Ratek, ich weiß das er da ist. Ich bin es Silas. Ich muss mit Barin sprechen, es ist dringend.“ „Warum versteckst du dein Gesicht unter einer Kapuze?“. „Kannst du jetzt bitte die Tür aufmachen und mit reinlassen?“ „Warte .“ Silas hörte wie ein Riegel zu Seite geschoben wurde, dann öffnete sich die Tür. Die vielen fehlenden Zähne ließen Ratek noch dümmer aussehen als er ohnehin schon war. „Er ist da drin,“ sagte der Hühne und wies mit seiner linken Hand auf eine Tür am Ende des Korridors.

 

Silas durchschritt den fackelbeleuchteten Gang und stand vor der Tür. Vorsichtig streckte er seine Hand nach der Klinke aus. Er wusste nicht warum aber er hatte plötzlich Angst. Irgendwie erwartete er das ihm etwas widerfahren würde, sobald er die Klinke berührte. Es geschah jedoch nichts. Er spürte die Kälte des Metalls auf seiner Haut und auch als er die Klinke herunterdrückte passierte nichts. Leise tadelte er sich selbst für seine Feigheit.  Als er den Raum betrat, dachte er zunächst er sei durch die falsche Tür gegangen. Der Raum war leer. Nur eine Kerze flackerte auf dem Tisch. Er wollte gerade wieder gehen, als ihn Barins Stimme zusammenfahren ließ. Jetzt trat der ganz in schwarz gekleidete Mann aus dem Schatten und wurde sichtbar. Wie hatte er das gemacht. Silas hatte keine Gelegenheit ihn zu fragen. „Du hast also das alte Schlitzohr getötet? Und zudem noch seine Karten mitgenommen.“ Als er seine Tat ausgesprochen hörte lies das Silas einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen. Aber Barins Worte waren nicht vorwurfsvoll eher ein bisschen anerkennend. „Woher weist du das?“ stammelte Silas. „Nun“, entgegnete Barin. „Ich habe viele Informanten.“ Es war unmöglich. Es war noch keine Stunde her und Silas war auf kürzestem Wege hierher gelaufen. Wie konnte Barin davon wissen.

„Du musst verschwinden.“ Durchbrach Barin seine Gedanken. „Und zwar sofort. Die Stadtwache sucht dich bereits.“ – „Wirst du mir helfen?“ – „Ja, das werde ich. Ich habe schon alles arrangiert. An der Rückseite des Hauses steht ein Pferdewagen. Du wirst dich darin verstecken und der Kutscher wird dich aus der Stadt bringen. Du wirst nach Tiefwasser reisen und dich dort bei Portas melden. Du findest ihn in der Taverne zum Entermesser im Hafengebiet. Portas führt in drei Zehntage eine Karawane in die Talländer. Der wirst du dich anschließen. Mehr kann ich nicht für dich tun.“ – „Danke Barin,“ brachte Silas hervor, dessen Gedanken durch seinen Kopf rasten. „Danke, wie kann ich das wieder gut machen?“ – „Es wird Gelegenheit geben, dich dafür zu revangieren. Wenn die Zeit da ist werde ich deine Schuld einfordern. Aber jetzt muss du zunächst einmal dein Leben retten. Geh jetzt! Eins noch. Nimm diese Abzeichen. Es wird dir helfen die eine oder andere Tür geöffnet zu bekommen. Aber es ist nicht für jedermanns Augen bestimmt.“ Er gab Silas einen in schwarze Seide eingeschlagenen Gegenstand, der sich schwer und kalt anfühlte. Dann drängte er ihn zum Gehen. „Werden wir uns wieder sehen?“ fragte Silas. „Ja, dass werden wir, ganz bestimmt sogar.“ Dann ging Silas zur Tür. Er drehte sich noch einmal um Barin noch etwas zu fragen, aber der war verschwunden.

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